in der letzten zeit hat die (öffentliche) diskussion über weblogs stetig zugenommen und in diesem zusammenhang wird immer wieder der begriff der sozialen software verwendet [siehe prof. oliver wredes social software seminar zu dem thema]. die öffentliche aufmerksamkeit mag daher rühren, dass sich einige größere medienhäuser (blogg.zeit.de, heise/c’t, spiegel) in letzter zeit zu diesem thema geäußert haben, bedingt durch das stetige numerische wachstum der weblogs.
bemerkenswert finde ich jedoch, dass sie die diskussion über die “soziale software” an den meisten stellen darum dreht “was soziale software überhaupt ist”; anstelle von “endlich denkt jemand darüber nach, soziale software zu produzieren”. sollte es doch der generelle anspruch von software sein, sozial zu sein. denn was bedeutet es denn für eine software, dieses attribut tragen zu dürfen? was sind die vorraussetzungen?
die software, respektive der durch sie zur verfügung gestellte dienst, soll den benutzern einen sozialen nutzen bieten. sozialer nutzen kann sein: kommunikation, wissensbeschaffung / lernen, informationsaggregation, darstellung/präsentation, spiel und spass, speichern von informationen, … im zusammenhang mit dem internet, oder anderen netzwerken, steht natürlich kommunikation, informationsaggregation oder -distribuierung an der ersten stelle, woraus, bei entsprechender speicherung und einem allgemeinen, öffentlichen zugang, ein kollektives wissen, ein informationspool entstehen kann.
das internet ist 50 jahre alt, das world-wide-web derer zehn, homecomputer verbreiten sich seit gut 20 jahren und in firmen wird ebenfalls seit gut 15 - 20 jahren an / mit ihnen gearbeitet; zu genau den oben beschriebenen zwecken: informationsorganisation, recherche, kommunikation, präsentation, … und erst in den letzten jahren wird ernsthaft die diskussion auf den sozialen nutzen von software gelenkt?
nun, nicht ganz. die pioniere des internet’ und des www haben selbige erfunden und weiterentwickelt um genau die beschriebenen (sozialen) aufgaben mit hilfe digitaler und vernetzter technik einfacher lösen zu können. doch wurde dies in der nachrückenden benutzermasse nicht angenommen, da die technik zu sehr mit sich selbst beschäftigt war und vielerorts zum selbstzweck entwickelt worden ist. diese alte diskussion öffnet sich aber eben durch weblogs einer breiten masse, da nun nicht nur nerds und techies, sondern durch grafische, benutzerorientierte interfaces auch anderen spezies zugang zu dem medium bekommen und diesen als werkzeug in ihr eigenes arbeitsfeld integrieren können.
produkte wie radio userland, movabletyp, blogger, netnewswire, usw. ermöglichen das desktop-basierte, “one-click-publizieren”. hinzukommen entwicklungen wie xml-rpc, soap, rss, opml, usw., die im hintergrund wertvolle arbeit beim informationsaustausch leisten, dem benutzer aber nur ein minimum an eigener aktion, abgesehen vom verstehen der aggregierten oder publizierten informationen, abverlangen.
doch all dies war mit bisheriger technik auch möglich. war und ist doch das usenet einer der größten bereiche des internet’. trotzdem ist es der breiten internetöffentlichkeit nie richtig zugänglich geworden und wenn, dann hauptsächlich durch die wiedergabe im www, bei google-groups z.b.
besonders die überlegungen von oliver wrede über weblogs und wikis [1] zeigen das potential das technologie hat, wenn sie so gestaltet wird, dass ihre benutzung sich (größtenteils) aus ihrem interface erschließt, ohne dass technisches wissen erforderlich ist. weblogs sind die toaster des www. 2 - 3 knöpfe genügen, eine mahlzeit zu bereiten… [siehe prof. klaus gasteiers datensicht seminar].
leider scheint sich das bewußtsein, dass technologie der freund, evtl. sogar der unsichtbare freund des menschen sein kann, bisher wenig in der gesellschaft durchgesetzt zu haben. der leidensdruck auf die industrie schein noch nicht groß genug, allgemein, produkte zu entwickeln, die diesen ansprüchen genügen und eben trotzdem von einer breiten masse gekauft werden können. im internet scheint dieser leidensdruck durch den crash der neue-medien-blase um das jahr 2000 herum [siehe auch multi-mania-weblog] erreicht worden zu sein, immer mehr dienstleister machen sich ernstzunehmende gedanken über usability.
soziale software ist also software, die einen nutzen für menschen zur verfügung stellt, ohne selbst eine anforderung an den oder die benutzer zu stellen, die über einen den nutzen erzeugenden workflow hinausgeht. zudem kann software in dem sinn sozial sein, als dass sie einem aspekt zwischenmenschlichen austauschs (im privaten wie beruflichen umfeld) über ein netzwerk zur verfügung stellt und z.b. archivierungsfunktionen anbietet.
im gegensatz zu papier und gesprächen bieten digitale daten darüberhinaus die möglichkeit, durchsuchbar zu sein und direkt verlinkt werden zu können. doch sind dies ebenfalls alles keine neuen überlegungen.
daher noch einmal die frage, warum der verbraucher seinen leidensdruck nicht schon lange in dem maß an die industrie weitergibt, dass diese genötigt wird, software in eben diesem sinne zu produzieren.
intranets, extranets und das internet bieten exorbitante möglichkeiten wissen zu aggregieren, bzw. informationen zu distribuieren. suchmaschinen stellen nur einen kleinen teil der möglichkeiten dar, wissen erlangen zu können, weil sie zufallsfunde fast gänzlich ausschließen und viel zeit erforderlich ist, sich ein wirklich rundes bild von einem suchthema zu machen. tim bernes-lees ontology web language könnte zumindest bei dem problem abhilfe schaffen, wenn nur der falsche suchbegriff zwischen benutzer und information liegt.
soziale software im zusammenhang mit netzwerken muß also auch heißen, diese schwierigkeiten auszugleichen, ohne die informationstiefe und -dichte des internets oder anderer netzwerke zu elemienieren; soziale software heißt auch, kommunikation im sinne eines gesellschaftlichen konsenz’ betreiben zu können, aber eben im sinne dieser gesellschaft.
weblogs anarchisieren [… eine kultur des wissens | Weblog-Vorhersage] das www in diesem kontext insoweit, als dass ihre betreiber (größtenteils) sehr freien informationsaustausch pflegen. sich gegenseitig verlinken und zitieren und gerade damit ängsten aus der industrie den gar aus machen, dass eine vernetzte gesellschaft, nicht ökonomisch mit informationen handeln kann, wenn nicht dem informationsaustausch eine starke kontrolle und reglimentierung zu grunde liegt. opensource vs. copyright. der kollektive nutzen von weblogs ist gerade durch die verlinkung und durch die zitate wesentlich größer und erst dadurch erhalten sie einen echten stellenwert als “soziale applikation”.