In diesen Tagen hat eine neue Plattform das Licht der Web2.0-Welt erblickt. Trupoli möchte ein Bindeglied zwischen Wähler und Politiker sein: “Was also liegt näher, als Demokratie und “Mitmach-Netz” in einer Plattform zu vereinen? Auf einer Internetseite, auf der das Volk seinen gewählten Vertretern erstens auf die Finger schaut und zweitens klar bewerten kann, was es von deren Politik hält.”

Trupoli ermöglicht angemeldeten Mitgliedern Statements von Politikern zu erfassen und nach Glaubwürdigkeit, Zustimmung und Wichtigkeit zu bewerten (zu Trupoli siehe auch den Artikel von Tim Bonnemann). So entsteht eine Gesamtnote für jeden Politiker. Problematisch finde ich an diesem Ansatz, daß zwar wie bei ARD und ZDF eine (Un)Beliebheitsskala der realisierten deutschen Politik entsteht; die potentiellen Möglichkeiten aber nicht zum Ausdruck kommen.
Genau hier läge das wahre Potential, das durch das Internet entfacht werden könnte. Im Juli 2006 habe ich dazu schon einige Gedanken verloren. Die damals aufgestellte These, daß eine vorhandene Infrastruktur zwangsläufig ihr Potential als soziale Maschine erfüllen müßte, sieht 2007 im Kontext der Vorratsdatenspeicherung und anderer Zurückhaltung induzierender Entwicklungen (siehe zum Beispiel FBI plant weltweit größte biometrische Datenbank).

Die Seite Abgeordnetenwatch geht da schon einen Schritt weiter. Sie fordert zumindest Grundzüge eines Diskurses heraus und kann durch eine hohe Popularität zur Auseinandersetzung mit Themen zwingen. Diese Seite würde jedoch schon durch die blose Visualisierung einiger Tendenzen und Prozesse, durch die Darstellung von Zentren und Rändern der Aufmerksamkeit einen erheblichen Qualitätsaufschwung erfahren.

An diesem Punkt ist digg.com mit seinem Datensicht-Lab schon einen Schritt weiter. Eine neue Funktion von digg - digg the candidates - listet zahlreiche Präsidentschaftskandidaten für die bevorstehenden Wahlen in den USA auf. Durch Bewertungs- und Kommentarfunktionen ist ebenfalls eine Abbildung von individuellen wie statistischen Meinungsbildern sowie in Ansätzen die Formulierung von Alternativen möglich.
Weniger institutionell waren in der Vergangenheit zahlreiche Wahlblogs, die Politiker, Bürger, Journalisten, … ein Stückweit aus ihren Rollen herausgebrochen und dem gemeinsamen Blogg, dem gemeinsamen Diskurs verpflichtet haben. Hier ist jedoch ein hohen Engagement der Beteiltigten und das Bedürfnis oder der Mut, sich öffentlich zu äußern notwendig.
Trotz aller Kritik und allen auf der Hand liegenden Möglichkeiten der Verbesserung. Die zarten Pflänzchen, die das Internet zielgerichtet als demokratische Plattform im Sinne konkreter Politik begreifen, sollten man fördern und eben auch fordern.
Denn gerade ob der Informationsflut ist es wichtig, Orientierung erlangen zu können, ohne die Informationsfreiheit einzuschränken (The Sky is the limit).
siehe auch:
- Öffentliches Wissen
- The Concept of Truthiness
- Citizen Think Tank (extern)
- Symbiotic Web
- debate europe
- Bilderkriege im (verkauften) Öffentlichen Raum
- Beschleunigung der Unschärfe
- A Bill of Rights for Users of the Social Web

