Unter dem Titel “Mobiltelefonie revolutioniert das Liebesleben junger Menschen” schreibt heise:
“Vor allem Jugendliche scheuen sich nicht, via SMS zu flirten oder sich zu verabreden. Laut der heute vom Gerätehändler The Carphone Warehouse und der London School of Economics vorgestellten Studie (PDF-Datei) The Mobile Life Report 2006 haben mehr als die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen angegeben, bereits einmal eine Einladung zu einem Rendezvous per SMS erhalten oder verschickt zu haben. Die Forscher schließen daraus, dass durch Mobiltelefonie das Liebesleben der jungen Menschen revolutioniert werde.”
Wer verwundert guckt und glaubt, dies sei ein singulärer Vorgang, der sich nur auf die aktuellen Medien und Technologien bezieht, irrt. Soziale Spielfelder und technische Innovation sind seit Menschengedenken unzertrennbar. Technische Innovation hat den Menschen überhaupt erst die Zeit gegeben, Spiel und Kultur zu entwickeln.
Schon immer ist die Menschheit Symbiosen mit der von ihr entwickelten Technologie eingegangen. Die erste Symbiose nach dieser Denkweise mag die Nutzbarmachung und Kontrolle des Feuers gewesen sein. Augenreiben, weil sich die Menschheit auf vernetzte Massenmedien stürzt? Das sie selbige in ihren Alltag integriert; vielleicht sogar assimiliert? Das sie neue Spielarten im Umgang mit den Medien erfindet? Das Infrastruktur und Benutzung zu einem emergenten System werden können?
Der Begriff des Cyborgs wurde geschaffen und eine zukünftige Symbiosestufe zwischen Mensch und Technologie zu beschreiben. In der Gegenwart verankert würde man nur schwer von sich selbst als einem Cyborg sprechen, da Abhängigkeit von – und Fremdsteuerung durch Technologie implizit mit ausgedrückt wird. Betrachten wir uns selbst aber mit den Augen eines Menschen von 1900: Wir haben nicht nur den elektrischen Strom, die Einbauküche, das Auto, die Microwelle, Telefonie, das Internet als feste, für uns praktisch nicht wegdenkbare Bestandteile unseres Lebens akzeptiert; sondern wir benutzen sie mit einer Selbstverständichkeit, als ob sie schon immer dagewesen wären.
Als Designer ist es für mich besonders interessant, herauszufinden, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit eine Technologie, oder eine spezielle Anwendung einer Technologie zu einem potentiellen Kandidaten für eine neue Symbiose wird. Ist Google bereits soweit? Der iPod?
Bevor nun zu viel Euphorie aufkommt, Symbiosen können aufgegeben werden, sie können sich wandeln, sie können abstrahiert werden. So würde ich dem heutigen Menschen keine Symbiose mit dem Feuer zuschreiben. Er hat abstrakte Formen des Feuers entwickelt, die den Zweck besser erfüllen können; Herdplatten, zum Beispiel.
In einem Medium, welches täglich von Milliarden Menschen gleichzeitig genutzt wird, ist die Haltbarkeit von Standards eine äußerst fragwürdige Angelegenheit. Denn dies ist wirklich neu, die Quantität der Nutzer, die Verbreitungsgeschwindigkeit neuer Informationen und die Streu- und Reflektionsweite des Diskurses.
siehe auch:
- Symbiotic Web
- Hirn-Computer-Schnittstelle