Das Internet scheint von seinen eigenen Freiheiten gefangen genommen worden zu sein. Zumindest erweckt sich dieser Eindruck, wenn man Artikel wie “Der Internetslum” oder “Internet ist ein Schrotthaufen” liest. Tatsächlich ist es so, daß ein Großteil des Datenverkehrs durch das Internet verursacht wird von allem Möglichen, was von den Benutzern im Grund keiner will. Angefangen bei halbwegs “ehrlicher” Werbung, über Spam, Pishing-Attacken und Pornobelästigung, über direkte Hacking-Versuche auf Webserver bis hin zu ebensolchen Versuchen, auf meinen eigenen Rechner. Von Viren, Würmern und Trojanern ganz zu schweigen. Auch steigt der Aufwand, sich von solchem zu befreien, immer weiter an.
Daher werden Stimmen, die eine strikte Kontrolle der im Internet agierenden Akteure fordern immer lauter. Im Grunde zeigt dieser Trend nur eins. Das Internet wandelt sich von einem Eliten- zu einem Massenmedium. Es bildet immer mehr und stellenweise stark überzeichnet, die wirklichen Bedürfnisse und Interessen seiner Benutzer ab. Wer versucht, diesem Phänomen mit Zensur und Kontrolle Herr zu werden, läuft in die falsche Richtung, denn er verkennt genau dies.
Der Gegentrend ist auch schon zu sehen. Das Internet wird nicht dadurch zum globalen Dorf, daß es mir ermöglicht jedem eine Nachricht zu schreiben, die innerhalb von Minuten zugestellt wird, es wird dadurch zum globalen Dorf, daß es Bildung von sozialen Gruppen gibt. Man kennt sich, man zitiert sich und verweist aufeinander und demonstriert damit nach außen, zu welchem “Clan” man gehört und spielt zu den Regeln dieses Clans.
Ansätze in dieser Richtung sind nicht nur zu finden in Weblogs, Communities und Foren, sondern auch in Ansätzen wie mates oder FOAF. Zwar gilt nach wie vor die These “Social Nets Not Making Friends“, doch gibt es neben diesen künstlichen “Social Nets” auch eine natürliche Entwicklung, in der Interessensgemeinschaften von Mensch zu Mensch entstehen, jenseits der direkten kommerziellen Nutzbarkeit der Anbieter der “social”-Plattformen.
Projekte wie Wikipedia offenbaren dies; doch scheinen Menschen institutionalisierten Autoren in manchen Fragen den Vorrang zu geben (siehe auch “Encarta Online goes Wikipedia“).
Das simple und scheinbar unscheinbare Fotos in Weblogs schon zu Kündigungen geführt haben, scheint sich ebenfalls herumgesprochen zu haben und ist nur ein Symbol dafür, daß den Autoren eine Schere im Kopf wächst, weil sie zunehmend begreifen, daß die Rezepienten von Websites die gleichen Menschen sind, die auch in der “realen Welt” anzutreffen sind; also auch Vorgesetzte oder Nachbarn.
Gleichzeitig muß gesagt werden, daß durch Projekte wie persönliche Weblogs und Flickr die Authentizität der Autoren zu steigen scheint. Doch das ist eine andere Diskussion. Das Internet steht vor einer harten Bewährungsprobe. In den nächsten Jahren wird die Zahl der Benutzer weiter steigen. Nicht unbedingt mehr in den Industrienationen, im globalen Kontext aber wohl. Dementsprechend wird auch die Menge der Herausforderungen zunehmen. Doch liegt, wie so oft in der Geschichte der Denkfehler für eine Zukunftsvision darin, daß die Gegenwart in größerer, überdimensionaler Form als konkrete Darstellung der Zukunft gesehen wird. Innovationen waren aber in er Regel struktureller, vielleicht von qualitativer aber selten von quantitativer Art.