September 15th, 2004 by Tim Bruysten in culture

überall wird dieser tage über den zustand der bildungssysteme in deutschland diskutiert. pisa hin, chancengleichheit her. dabei geraten hauptrolle und ziel immer weiter aus den augen.

Bildung beginnt mit der Geburt. Jedes Kind eignet sich die Welt konstruktiv an. Ein gebildeter Mensch ist ein Mensch, der sein Wissen für die Gemeinschaft einsetzt. Achtung: Bildung bedeutet nicht nur fachliches Wissen. engl. education= Bildung und Erziehung

bildung ist deutschlands einziger, echter rohstoff und lange zeit wurde dieser mit vollen händen ausgegeben. viele technische, medizinische oder auch designerische innovationen wurden hierzulande entwickelt und eine menge wirtschaftskraft aus den köpfen der schaffenden geboren.

die krise setze langsam und schleppend ein, sodass nun nur schwer festzustellen ist, woran es gelegen haben mag. doch eines wird deutlich - der “internationale” vergleich offenbart: andere sind schneller, effizienter und besser. bildung bedeutet wettbewerb. aber hier liegt der erste große denkfehler. der zweck der bildung ist eben jeder wettbewerb nicht; denn wo dieses ziel als solches definiert wird, scheitert die innovationskraft an mangelnder vielseitigkeit und einem fehlenden verständnis von breiten- und tiefenwissen ausserhalb eines konkreten, direkt nutzbringendem ansatz.

kreativ zu sein bedeutet im mindesten, neue verknüpfungen zu finden - wie soll jemand neue verknüpfungen finden, wenn er nicht ein breites wissen hat? kreativ sein bedeutet aber nicht (nur), herumzuträumen, sondern auch konkret arbeiten zu können, dazu ist fundiertes tiefenwissen notwendig, fachkenntnis also.

Der wahre Zweck des Menschen – nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt – ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen

Wilhelm von Humboldt (1791/92): Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen)

aber was sind die ziele von bildung und was sind die ziele von bildungspolitik? nun. sicherlich auch, die erhaltung und entwicklung von wirtschaftskraft. nur bleibt bei diesem trockenem ansatz die menschlichkeit - die ureigenste menschliche triebkraft, die den menschen erst zum menschen macht - vollkommen auf der strecke. die neugierde. neugierde ist die triebfeder hinter der innovation, sie ist aber auch die poesie der bildung.

bildung ist nicht nur faktenwissen - es ist zunächst die erkenntnis, dass es etwas bringt, etwas zu wissen. dann basiert all das faktenwissen zunächst einmal auf sozialem, kulturellen und ethischen grund. auf historischen ereignissen. lernen aus der vergangenheit - fehler nicht ein zweites mal zu machen.

bildung ist aber auch, etwas über den menschen selbst zu lernen, archetypisches durch kongition zu ergänzen etwas “bilden” zu können. also fähigkeiten wie ausdauer, fehlertoleranz, kritik, usw.

bildung zu besitzen, bedeutet die möglichkeit zu haben, ein selbstbestimmtes und geplantes leben nach eigenem gusto leben zu können. umfassende bildung bietet die möglichkeit, auch in komplexen zusammenhängen zwischen gut und böse, zwischen richtig und falsch entscheiden zu können.

und was sind die ziele von bildungspolitik? nun - es muß wohl so sein, dass die bildungspolitik den rahmen generieren muß, obiges zu tun. in freiheit und gleichheit - aber jeder nach seinen individuellen fähigkeiten - gefördert und gefordert.

doch was passiert nun nach einer pisa-studie im vereinigten europa? den gewinnern schwillt vor stolz der kamm und die verlieren mauern sich ein, es sei alles gar nicht so schlimm und man werde dass problem mit dieser und jener reform wohl schon in den griff bekommen. im vereinigten europa?

wäre nicht gerade die bildungspolitik ein hervorragendes werkzeug, europa von innen zu harmonisieren? kann nicht gerade die bildungspolitik, mit ihrem charakter und ihrer langfristigkeit die letzten grenzen sprengen und europa als ganzes zu einer prosperierenden region machen?

dabei soll es gar nicht um internationalisiertes gleichschalten gehen, sondern um ein gemeinsames konzept und um austausch. die probleme mit der vergleichbarkeit und anerkennung der abschlüsse und zeugnisse wäre auf einen rutsch mit vom tisch. doch viel wichtiger: eine europaweite chancengleichheit kann nicht nur europa als region stärken, sondern kann auch die möglichkeiten, individuelle talente zu fördern erheblich verbessern.

weitere links zum thema:
- Ungarn und Deutschland gründen Forschungsinstitut
- Rot-Grün: Schulsystem radikal reformieren
- Radikalreform statt Stückwerk
- Muss das dreigliedrige Schulsystem weg?

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